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Georg Baselitz: Andauernd

Vorschau exhibition
Kunstmuseum Schloss Derneburg
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    Das Kunstmuseum Schloss Derneburg begrüßt Sie zu einer neuen Präsentation im ehemaligen »Bildhaueratelier« von Georg Baselitz. Während seines rund 30-jährigen Besitzes von Schloss Derneburg verwandelte Baselitz einen großen Teil des Schlosses in Ateliers für Malerei, Bildhauerei und Druckgrafik. Die ehemalige Schlossküche der Vorbesitzer - die Familie Münster - war jedoch bis zur Fertigstellung des »Neuen Ateliers« im Jahre 1995 sein primäres Bildhaueratelier. Vorbereitende Wandzeichnungen, die Baselitz während seines Aufenthalts im Schloss anfertigte, sind erhalten geblieben und werden hier zusammen mit dokumentarischen Fotografien seines langjährigen Freundes und ehemaligen Galeristen Benjamin Katz ausgestellt. Der rautenförmige Boden und die eiserne Infrastruktur, die das Gewicht der aus Baumstämmen gehauenen Blöcke trug, sind auf Katz' Fotografien gut zu erkennen und auch heute noch vorhanden.

  • Die Skulptur ist ein Ding wie ein Wunder. Sie ist aufgebaut, ausgestattet, gemacht mit Willkür nicht als das Zeichen der...

    Foto: Franziska Lenferink

    Die Skulptur ist ein Ding wie ein Wunder. Sie ist aufgebaut, ausgestattet, gemacht mit Willkür nicht als das Zeichen der Gedanken, sondern als Ding in den Grenzen der Gestalt. Selbst wenn sie an der Zimmerdecke hängt, bleibt sie ein Ding, denn auch Blinde können sie sehen.

    Sie ist kein Kadaver, sie ist nicht die Hülle von etwas, sie ist eher wie eine tote Maschine - man kann einen Geist in ihr vermuten als Gegenüber für eine Korrespondenz.

    - Georg Baselitz, 'Skulptur' / 'Sculpture', in Georg Baselitz: Recent Sculpture, Exhibition Catalogue: Gagosian Gallery, New York, 2004.

  • Baselitz' bildhauerische Praxis begann 1979 in Derneburg mit der Arbeit Modell für eine Skulptur (1979-80) - dem einzigen Werk, mit...

    Baselitz. Vorbereitende Zeichnung für Modell für eine Skulptur im Kunstmuseum Schloss Derneburg.
    Foto: Roman März

    Baselitz' bildhauerische Praxis begann 1979 in Derneburg mit der Arbeit Modell für eine Skulptur (1979-80) - dem einzigen Werk, mit dem Baselitz im Deutschen Pavillon auf der Biennale 1980 in Venedig vertreten war. Vorläufige Entwurfsskizzen zu dieser Skulptur sind hier unter anderem erhalten und zeigen eine sich zurücklehnende, auf dem Boden sitzende Figur, die einen Arm provokant ausstreckt. Die Komposition ähnelt afrikanischen Lobi-Skulpturen aus Baselitz' persönlicher Sammlung, von denen er sich inspirieren ließ. Die skulpturale Ästhetik des Künstlers ist geprägt von den groben Werkzeugen, die er verwendet, darunter Meißel, Äxte und Kettensägen. Mit Modell für eine Skulptur, die aus grob behauenen Lindenholzblöcken zusammengesetzt und mit Tempera bemalt ist, begann Baselitz' Praxis, absichtlich zerklüftete und rohe Kanten zu erhalten. Baselitz erklärt: „In der Bildhauerei ist das Sägen ein aggressiver Prozess, der dem Zeichnen gleichkommt. Indem ich mit Holz arbeite, will ich alle manuelle Geschicklichkeit, alle künstlerische Eleganz, alles, was mit Konstruktion zu tun hat, vermeiden. Ich will nichts konstruieren."[1]
  • Baselitz verwendete für seine Skulpturen weiterhin die in Europa heimischen Linden und Eschen, da ihre breiten Stämme Kompositionen aus einem...

    Baselitz im Atelier, Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg. Foto: Roman März

    Baselitz verwendete für seine Skulpturen weiterhin die in Europa heimischen Linden und Eschen, da ihre breiten Stämme Kompositionen aus einem einzigen Block ermöglichten und diese Baumarten in der Umgebung des Schlosses weit verbreitet waren. Lindenbäume sind nicht nur für die Bildhauerei geeignet, sondern auch in der deutschen Volkskultur von großer Bedeutung. In Goethes Die Leiden des jungen Werther verkörpert sie den Inbegriff der Idylle. Im Nibelungenlied symbolisieren ihre Blätter die Verletzlichkeit. Siegfried, der Drachentöter, ist nach einem Bad im Drachenblut bis auf eine Stelle auf seinem Rücken, die während des Bades von einem Lindenblatt verdeckt ist, unverwundbar, was ihm schließlich zum Verhängnis wird. Zwischen 1997 und 2003 legte Baselitz eine erstmalige Pause vom bildhauerischen Schaffen ein, da gesundheitliche Probleme den Künstler an der körperlich anstrengenden Arbeit mit Holz hinderten. Als er 2003 zur Bildhauerei zurückkehrte, begann er mit Formen zu arbeiten, die als Selbstporträts interpretiert werden können, darunter das ebenfalls aus Linde geschnittene mittelgroße Pace Piece (2003). Die Skulptur, die derzeit in der Ausstellung Baselitz im Atelier zu sehen ist, ähnelt den Schuhen und kurzen Hosen, die Baselitz oft im Atelier trug. Das mit Öl bemalte, verkürzte Bein erinnert zudem an Baselitz' Mentor, den Maler Edward Munch, dessen berühmtes Porträt in seinem Atelier unvermittelt an den Knien des Künstlers abgeschnitten ist.

  • Dreißig Jahre nach Modell für eine Skulptur vollendete Baselitz die monumentale Skulptur Dunklung Nachtung Amung Ding (2009). Die sitzende Figur...

    Georg Baselitz. Dunklung Nachtung Amung Ding, 2009. Hall Collection

    Dreißig Jahre nach Modell für eine Skulptur vollendete Baselitz die monumentale Skulptur Dunklung Nachtung Amung Ding (2009). Die sitzende Figur trägt eine weiße Mütze, die Baselitz' Ateliermütze aus dieser Zeit ähnelt, die der Künstler u.a. in einer früheren Skulptur mit dem Titel Meine neue Mütze (2003) erstmals verwendet hat. Angepasst, um möglicherweise dem Stil der Pimpf-Mütze mit verkürzter Krempe aus Kriegszeiten zu ähneln fügte Baselitz der Mütze dann die gemalte Aufschrift ZERO hinzu, die sowohl den Ausgangspunkt für die Inspiration als auch einen Verweis auf die Stunde Null (Mitternacht am 8. Mai 1945) darstellt. Die massige Figur spiegelt Rodins Der Denker (1904) in ihrer Gesamtform wider, nicht aber in der präzisen Ausführung. Die blauen Farbspritzer und Unregelmäßigkeiten, die möglicherweise einen Moment der Kontemplation unterbrechen, verweisen auf die wesentlich ältere skulpturale Tradition des „Christus in der Rast", die vor allem in der osteuropäischen Volkskunst (z. B. in Polen als „Chrystus Frasobliwy") noch immer beliebt ist. Die Maserung des Zedernholzes ist markant und wirkt wie eine zusätzliche visuelle Ebene, sowohl in den herausgearbeiteten rauen und gezackten Kanten als auch in den dem Material eigenen Rissen.

  • Ergänzend zu Dunklung Nachtung Amung Ding wird Dresdner Frauen - Elke (1989/2023) an ihrem Entstehungsort präsentiert. Die Auseinandersetzung mit der...

    Georg Baselitz. Dresdner Frauen - Elke, 1989/2023. Hall Collection

    Ergänzend zu Dunklung Nachtung Amung Ding wird Dresdner Frauen - Elke (1989/2023) an ihrem Entstehungsort präsentiert. Die Auseinandersetzung mit der Dresdener Nachkriegsgeschichte des 60 km entfernt von der Stadt aufgewachsenen Künstlers führte 1989 zur Entstehung der hölzernen Skulpturen-Gruppe Dresdner Frauen. Die großflächige Zerstörung der historischen Stadt durch die Luftangriffe britischer und US-amerikanischer Fliegerstaffeln im Februar 1945 zielte auf einen der letzten bis dato intakte Militärstützpunkte und wichtigen Verkehrsknotenpunkt sowie die Industrie ab, traf jedoch zu weiten Teilen den Stadtkern mit seinen ikonischen Bauten sowie die Zivilbevölkerung. Die Dresdner Frauen sind Baselitz' Hommage an die sogenannten „Trümmerfrauen", denen in der Nachkriegserzählung ein signifikanter Anteil an der Räumung und dem Wiederaufbau der zerstörten deutschen Städte zugeschrieben wird. So wie die Geschichte der Stadt Dresden geprägt ist von gewaltsamen Eingriffen in das Stadtbild, zeugt auch das Porträt, das nach seiner Frau Elke benannt ist, die in Dresden geboren und aufgewachsen ist (und in den 1940er Jahren noch ein Kind war), mit den eingesunkenen Gesichtszügen und den groben Markierungen von der für seine Skulpturen aus Holz typischen Rohheit, die hier als Abguss des Originals aus Gelb bemalter Bronze zu sehen ist.

  • Die kantigen Formen von Baselitz' grob behauenen Skulpturen lassen sich auch im Abguss gut umsetzen. Ein Beispiel dessen ist auf...

    Baselitz. Sing Sang Zero, 2012. Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Schloss Derneburg. Foto: Roman März

    Die kantigen Formen von Baselitz' grob behauenen Skulpturen lassen sich auch im Abguss gut umsetzen. Ein Beispiel dessen ist auf dem Außengelände des Schlosses installiert. Die Bronzeskulptur in mattem Schwarz mit dem Titel Sing Sang Zero (2012) zeigt den Künstler erneut mit Ateliermütze, hier eingehakt mit seiner Frau Elke. Baselitz erkannte, dass diese Haltung der verschränkten Gliedmaßen in der bildhauerischen Tradition nicht existierte. Das Paar von monumentaler Größe weißt ungewöhnliche Proportionen auf, einen breiten Stand und waagerechte Schnitte in Gliedmaßen und Oberkörper, die den physischen Charakter ihrer Herstellung betonen. Die exponierte Platzierung des Werks am Eingang des Museums ehrt das Paar, das dreißig Jahre lang im Schloss wohnte.

     


    [1] Übersetzt aus: Georg Baselitz [Ausstellungskatalog]. New York: Guggenheim Museum, 1995: S. 100.

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    • Georg Baselitz, Dunklung Nachtung Amung Ding, 2009
      Georg Baselitz, Dunklung Nachtung Amung Ding, 2009
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    • Georg Baselitz, Dresdner Frauen - Elke, 1989/2023
      Georg Baselitz, Dresdner Frauen - Elke, 1989/2023
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    • Georg Baselitz, Dresdner Frauen - Die Elbe, 1990/2023
      Georg Baselitz, Dresdner Frauen - Die Elbe, 1990/2023
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  • Artist

    • Georg Baselitz
      Artists

      Georg Baselitz

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